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Institut für lösungsorientierte Arbeit im Familienrecht

Prof. Dr. Uwe Jopt & Dr. Katharina Behrend

Lösungsorientierte Begutachtung

Was heißt "Lösungsorientierte Begutachtung"?

 

In seinen Grundzügen ist der lösungsorientierte Ansatz seit langem bekannt. Schon 1987 wurde erstmals dargelegt, dass es den Bedürfnissen von Trennungskindern angemessener sei, wenn Psychologische Begutachtungen nicht nach dem Muster eines diagnostischen Suchauftrags (nach dem geeigneteren Elternteil) erfolgen, sondern in Form eines Gestaltungsauftrags (Jopt, 1987)1. Sachverständige2 sollten stets erst versuchen, Streitpotential zwischen Eltern abzubauen und eine einvernehmliche Lösung anzustreben, weil die seelischen Belastungsfolgen für Kinder dann am geringsten sind. Erst wenn dieser Versuch definitiv gescheitert ist, soll dem Gericht ein konkreter Entscheidungsvorschlag unterbreitet werden.

Theoretischer Hintergrund ist eine systemische Betrachtung der Trennungsfamilie. Danach verändert sich für Kinder durch Trennung zwar das Familienleben, das Netzwerk emotionaler Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und anderen Verwandten besteht jedoch weiter.3 Vorrangige Aufgabe des Familiengerichts müsste es aus dieser Sicht deshalb sein, sie vor Beeinträchtigungen dieser Gefühlsverbindungen bestmöglich zu schützen. Das klingt zunächst einfach, die Schwierigkeit besteht jedoch in der Umsetzung. Denn Trennungspaare sind meist seelisch stark erschüttert, aufgewühlt, und obendrein fest davon überzeugt, dass für ihr Scheitern in erster Linie der jeweils andere verantwortlich ist. Der Grund dafür liegt in einem psychologischen Mechanismus kausaler Verantwortungszuschreibung, der als Interpunktion bezeichnet wird und immer dann auftritt, wenn es um zwischenmenschliche Konflikte geht. Da er für alle Beteiligten nach demselben Muster abläuft, ist jeder „Opfer“ (aus eigener Sicht) und „Täter“ (aus Partnersicht) zugleich (s. Jopt, 1992; 2002).4

Deshalb ließ sich 1977 die Schuldfrage zwar leicht aus dem Scheidungsverfahren streichen, an Denken und Fühlen der Betroffenen änderte das jedoch nichts. Bis heute gehören Anklagen und Vorwürfe so selbstverständlich zum familiengerichtlichen Alltag, als hätte es den Wandel zum Zerrüttungsprinzip nie gegeben, sodass der langjährige Familienrichter Willutzki (1997) vermutet, dass ein „Urbedürfnis nach Schuldfeststellung“ offensichtlich tief im Menschen verankert sei. Das ist im Prinzip die Beschreibung der Interpunktion aus juristischer Sicht.5

Dieser Prozess unterschiedlicher Selbst- und Fremdetikettierung hat als der zentrale Motor für die gesamte Dynamik auf der Paarebene mit den Fragen zukünftiger Gestaltung der Elternschaft (bei wem soll das Kind leben; wie soll der Umgang aussehen) rein logisch betrachtet nichts zu tun, psycho-logisch bestimmt er jedoch auch den Umgang mit dieser Thematik nachhaltig mit. Die Familiengerichte bemühen sich zwar, das „Hineinstören“ der Paarebene dadurch zu verhindern, dass sie die Parteien ermahnen, sich nur auf die Fragen von Sorge- und Umgangsrecht, d. h. auf die Elternebene, zu beschränken. In hoch strittigen Fällen sind solche Appelle jedoch meist fruchtlos. Es scheint vielen Trennungspaaren erst dann möglich zu sein, die eigene Problematik im Rechtsstreit zumindest zeitweilig auszublenden, wenn beide Ex-Partner (einer allein genügt nicht) auch „emotional“ voneinander getrennt sind.

Hier setzt das lösungsorientierte Konzept an, indem die unbewältigten Paarprobleme nicht länger als unliebsame Störung aufgefasst werden, sondern als real bestehende motivationale Triebfeder, die sofort aktiviert wird, sobald es um Fragen geht, die auch nur peripher die einstige Partnerschaft berühren. Obwohl im Familienrecht nur die „gemeinsamen Kinder“ Thema sind, ist insofern gerade die Elternebene eine dafür prädestinierte Plattform, weil „Paar“ und „Eltern“ in Personalunion dieselben Personen sind. Dadurch besteht die schwierige Aufgabe, zwei „Elternteile“ für einen gemeinsamen Weg zu gewinnen, die auf Grund ihrer Paargeschichte zugleich extrem polarisiert und emotional belastet sind. Um diese Aufgabe, die im Einzelfall der Aufforderung zur Quadratur des Kreises gleichkommen kann, zu bewältigen, gibt es im Grunde nur einen Weg: Um die Konfundierung der verschiedenen Rollen zu entflechten, müssen die Erwachsenen erkennen, dass die eigentlichen Wurzeln ihrer Konflikte die Partnerschaft betreffen und nicht die Elternschaft. Deshalb wird die Paarebene - wie viel Raum sie einnimmt, hängt vom Einzelfall ab - im Rahmen gemeinsamer Elterngespräche ausdrücklich aufgegriffen und sogar vorrangig behandelt. Erst danach stehen die Kinder im Mittelpunkt.6 Negativ gesehen wird somit nicht der Konflikt selbst, sondern sein Übergreifen auf das Kind.

Die psychologische Begründung für dieses Vorgehen findet sich an anderer Stelle (Bergmann, Jopt & Rexilius, 2002)7. Dem lösungsorientierten Konzept liegt somit die Überzeugung zu Grunde, dass erst eine Thematisierung der Paarebene - obwohl die bestehenden Probleme durch das Gespräch in der Regel nicht aufgelöst werden - die Voraussetzung dafür schafft, dass die Ex-Partner sich nur „als Eltern“ auseinander setzen können. Ziel ist es also nicht, die Paarebene zu harmonisieren - das würde auch kaum gelingen -, sondern die Elternebene zu isolieren. Auf diese Weise steigt die Wahrscheinlichkeit für eine wirklich einvernehmliche, von beiden innerlich mitgetragene Lösung deutlich an, da jetzt eine Gemeinsamkeit der Eltern zum Tragen kommen kann, die in Anbetracht aller Auf- und Abwertungen durch sie selbst wie durch ihre Parteivertreter völlig untergegangen war - beide lieben ihre Kinder.

Trennungspaare sind oft davon überzeugt, ihr Fall sei einzigartig. Sie erkennen nicht, dass dies zwar für die Besonderheiten ihrer persönlichen Geschichte zutrifft, nicht jedoch für Ablauf, Dynamik und Konflikteskalation des Trennungsprozesses. Tatsächlich ähneln sich die Regeln, nach denen Trennungen verlaufen, aber sehr, sodass sich der einzelne Fall aus fachlicher Sicht in der Regel nicht annähernd so dramatisch und exklusiv darstellt. Um das auch selbst erkennen zu können, müssen die Ex-Partner aufgeklärt werden. Deshalb erhalten sie im Rahmen der kontroversen Überzeugungen in Bezug auf die Ursachen ihres Scheiterns zunächst umfassende Informationen über „trennungstypische“ Konfliktverläufe, um die Vorraussetzung zu schaffen, dass die interpunktionsbedingte Täter-Opfer-Aufspaltung zumindest ansatzweise entpolarisiert werden kann. Weichen darauf hin die wechselseitigen Negativbilder auf, wirkt sich dies in der Regel auch auf die Elternrollen positiv aus.

Damit ist die Voraussetzung geschaffen, um zum eigentlichen Thema der Begutachtung, d. h. auf die Elternebene, zu wechseln. Auch hier geht es zunächst um Information und Aufklärung, diesmal zur psychischen Lage und den Bedürfnissen trennungsbetroffener Kinder. Dabei wird aufgezeigt, dass bei einer Trennung deren Bedürfnisse und Interessen in der Regel andere sind als die von Erwachsenen. Während sich die einstigen Partner am liebsten für immer aus dem Weg gehen möchten (häufig will dies auch nur einer), bleiben Kinder auf ihre Familie, vor allem ihre Eltern, fixiert und wünschen sich deshalb das genaue Gegenteil - möglichst viel Nähe zu beiden. Denn die Erwachsenenrollen splitten sich bei Kindern erst mit Eintritt in die Pubertät auf, bis dahin kennen sie zwar die Vornamen ihrer Eltern, interagieren aber nicht mit den damit verknüpften individuellen Persönlichkeiten, sondern ausschließlich mit der zweiten Rollenfacette als „Mutter“ und „Vater“, also auf der Elternebene.

Die Vermittlung von Erkenntnissen der Scheidungsforschung dient als Vorbereitung, um die Eltern empathisch und sensibel für die psychische Situation ihres eigenen Kindes zu machen. Dazu hat sich der Sachverständige zuvor im Gespräch einen eigenen Eindruck davon verschaffen, ob, ggf. wie stark, und durch wen das Kind bereits instrumentalisiert, d. h. auf subtile Weise und häufig unbemerkt so „beeinflusst“ wurde, dass seine Beziehung zum anderen Elternteil - im Extremfall bis zur totalen Umgangsverweigerung (PAS) - gestört ist.8 Da durch die Aufklärung der Eltern deren Bereitschaft, einander zuzuhören, angestiegen ist und da kein Elternteil seinem Kind bewusst schaden will, können jetzt im Verlauf des gemeinsamen Gesprächs Ressourcen freigelegt werden, die keiner gesehen hat, so lange die Aufmerksamkeit im Verlauf des Rechtsstreites ausschließlich auf den eigenen „Sieg“ gerichtet war. Die Folge: Mit Unterstützung des Sachverständigen werden jetzt von den Eltern Lösungen entwickelt, die bis dahin, obwohl manchmal genauso bereits von anderer Seite vorgeschlagen, kategorisch abgelehnt wurden.

Danach lassen die Eltern über ihre Anwälte dem Gericht erklären, dass sich ihr Fall erledigt hat. Der Sachverständige bestätigt dies durch eine knappe Stellungnahme (ca. 3 Seiten), in die auch als Absichtserklärung aufgenommen wird, dass die Eltern bei zukünftigen Konflikten, die sie selbst nicht lösen können, immer erst nach einer außergerichtlichen Lösung suchen und sich dafür an ihn wenden wollen. Der lösungsorientierte Sachverständige steht somit, das ist eine weitere Besonderheit dieses Ansatzes, den Eltern auch nach Beendigung seiner offiziellen Tätigkeit (kostenlos) als Ansprechpartner zur Verfügung.9